Ich mochte den Herbst nie

Während andere von bunten Blättern, Kerzenlicht und gemütlichen Abenden schwärmten, wurde ich im Herbst oft ein bisschen traurig. Denn Herbst bedeutete für mich lange vor allem eines: Der Sommer ist vorbei.
Die Schule fängt wieder an, die Vereine nehmen ihre Tätigkeit auf, die ersten Termine stehen im Kalender – und innerhalb kurzer Zeit ist er wieder da, dieser durchgetaktete Alltag.
Ich hatte dann immer das Gefühl, etwas aufgeben zu müssen: die große Freiheit des Sommers. Diese langen Tage, an denen so vieles möglich scheint. Draußen sein bis spät am Abend. Spontan noch irgendwohin fahren. Im Garten sitzen. Das Gefühl, dass der Tag irgendwie mehr Stunden hat.
Vielleicht müssen wir nicht das ganze Jahr im Sommermodus leben
In den letzten Jahren hat sich etwas verändert. Nicht der Herbst. Sondern mein Umgang mit ihm. Ich versuche nicht mehr so sehr, den Sommer festzuhalten. Stattdessen erlaube ich mir immer mehr, im Rhythmus der Jahreszeiten zu leben.
Wenn es draußen früher dunkel wird und die Temperaturen sinken, verändert sich auch bei mir zu Hause etwas: Decken und Kissen dürfen wieder auf die Couch, kleine Lichter machen die Räume gemütlicher. Und ich erlaube mir inzwischen viel öfter, einen freien Abend einfach dort zu verbringen. Ohne noch etwas unternehmen zu müssen. Ohne das Gefühl, aus diesem Abend unbedingt „etwas machen“ zu müssen. Ich wickle mich einfach in eine der Decken ein und mach das, worauf ich grad Lust habe, lesen, eine Serie schauen …
Und vielleicht ist genau das etwas, das ich vom Herbst lernen kann: Nicht jede Zeit im Jahr muss nach außen führen. Manche Zeiten dürfen uns auch wieder ein wenig nach innen holen.
Die Natur wird ruhiger – und vielleicht darf ich es mit ihr ebenfalls ein bisschen werden.
Und trotzdem vermisse ich den Sommer
Heißt das, dass ich inzwischen ein begeisterter Herbstmensch geworden bin? Nein. Meine Lieblingsjahreszeit ist und bleibt der Sommer.
Und natürlich gibt es auch heute noch diese Tage, an denen ich nach draußen schaue und mir wünsche, es wäre wieder Juni. An denen ich die lauwarmen Abende vermisse und ein bisschen wehmütig werde.
Aber diese Momente holen mich nicht mehr so oft ein. Und vor allem: Sie gehen schneller wieder vorbei. Vielleicht deshalb, weil ich nicht mehr gegen den Herbst kämpfe.
Es gibt Zeiten für Weite und Aufbruch. Und es gibt Zeiten, in denen wir uns ein wenig zurückziehen dürfen. Zeiten, in denen viel wächst. Und Zeiten, in denen weniger zu tun vielleicht genau richtig ist.
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