Besuch im Hohen Norden
Anna Maria Obrist

Besuch im Hohen Norden


Beeindruckende Tage auf der norwegischen Insel Senja gehen zu Ende. Gestern sind wir nach Hause gekommen – zumindest körperlich. Mein Kopf, oder vielleicht treffender gesagt meine Seele, ist noch dort und braucht Zeit, um nachzukommen.

Es gab so viel zu entdecken und zu erleben auf dieser Insel im Hohen Norden, dass ich all die Eindrücke erst langsam verarbeiten, sortieren und hoffentlich dauerhaft bewahren kann – in meinem Kopf und vor allem in meinem Herzen.


Geburtstag

Meinen 50. Geburtstag habe ich ganz bewusst im Norden gefeiert. Ein runder Geburtstag ist für mich zunächst einmal nur eine Zahl. Viel lieber als ein großes Fest zu geben, schaue ich mit Dankbarkeit auf das zurück, was war, und mit Hoffnung und Freude auf das, was noch kommen mag. Vielleicht war diese Reise auch ein kleiner Ausbruch aus den Erwartungen, die oft mit solchen Jubiläen verbunden sind.

Zum anderen bin ich ein Kind des Sommers. Deshalb schienen mir die Tage um meinen Geburtstag perfekt, um den Norden zu bereisen und die Mitternachtssonne zu erleben. Ich war gespannt, was das niemals endende Tageslicht mit mir machen würde. Und tatsächlich: Obwohl ich zu Hause meist schon gegen neun Uhr abends müde werde, musste ich mich dort oft erst gegen ein Uhr nachts dazu zwingen, ins Bett zu gehen. Müdigkeit? Die schien das Licht einfach vertrieben zu haben.


Landschaft

Was eine Reise in den Norden immer zu etwas Besonderem macht, ist die überwältigende Landschaft und die ungezähmte, beinahe mystische Natur. Unendliche Weiten, stille mystische Hochmoore und kraftvolle Wasserfälle. Schroffe Berggipfel, die steil aus dem Meer emporragen – einmal in goldenes Sonnenlicht getaucht, dann wieder geheimnisvoll von Wolken umhüllt. Fjorde, die sich tief ins Land schneiden, fast so, als wären sie direkt einer Szene aus Der Herr der Ringe entsprungen. Dazwischen liegen kleine Ansammlungen bunter Holzhäuser, die Wind und Wetter trotzen. Hier leben Menschen, die der Natur mit Ehrfurcht und Respekt begegnen und mit ihr statt gegen sie leben.


Tierwelt

Auch die Tierwelt ist etwas ganz Besonderes. Zahlreiche Wat- und Wasservögel wie Rotschenkel, Grünschenkel und Brachvögel teilen sich die Küsten mit verschiedenen Möwenarten. In den höheren, kargen Berglandschaften begegnet man mit etwas Glück sogar dem Schneehuhn, dem Goldregenpfeifer und dem Moorschneehuhn. Und über all dem ziehen majestätisch Seeadler ihre Kreise.

Die Begegnung mit einem Elch war schließlich einer jener Momente, die sich tief ins Herz einprägen. Plötzlich stand er am Wegesrand – mächtig, ruhig und stolz. Für einen Augenblick schien er uns direkt anzusehen, als wolle er sagen: Ich sehe euch. Das hier ist mein Reich. Ich gewähre euch nur einen kurzen Blick in meine Welt, bevor ich wieder in die endlosen Wälder verschwinde, dorthin, wo ihr Menschen mir nicht folgen könnt.


Der Norden verzaubert mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich ihn bereisen darf. Und jedes Mal versuche ich, ein kleines Stück seiner Gelassenheit und Ruhe mit nach Hause zu nehmen. Jener Gelassenheit, die ich in den Menschen finde, die hier leben. Ebenso finde ich diese Ruhe und Gelassenheit in dieser wilden, ungezähmten Natur. Sie hat uns so viel zu sagen – wenn wir nur still genug werden, um ihr zuzuhören.

Vielleicht beginnt genau dort etwas, das wir im Alltag so oft verlieren: das Staunen – und mit ihm die Dankbarkeit für all das, was einfach da ist. Für all das, was wir weder erschaffen noch besitzen oder erklären müssen, sondern einfach wahrnehmen und unser Herz berühren lassen dürfen.


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